Ein deutsches Frauenleben

Es war einmal ein Köhler, der hatte 10 Kinder.
So märchenhaft fängt die Geschichte der Hauptperson dieser Erzählung an.
Naemi Schmidt-Lauber erzählt die fast 100-jährige Biografie einer aus ärmsten Verhältnissen stammenden deutschen Frau und thematisiert darin zugleich bis heute aktuelle, grundsätzliche Fragestellungen über ein gelingendes Leben.
Detta kam als Hausmädchen im Alter von 14 Jahren in den Haushalt meiner Großeltern und blieb bis zu ihrem Tod im Alter von 97 Jahren eng mit unserer Familie verbunden.
Ihre Biografie umfasst also ein knappes Jahrhundert deutscher Geschichte. Geboren gegen Ende des 1. Weltkrieges 1917, während des Nationalsozialismus in Danzig, drei ihrer Brüder fielen 1939 schon in den ersten Kriegstagen, am Ende des 2. Weltkriegs in den Westen geflohen, bald wieder Kontakt und Reisen in die DDR zum Rest ihrer ursprünglichen Familie, Leibesvisitationen an der innerdeutschen Grenze, erstes eigenes Geld mit über 50 Jahren (in den 1970er Jahren!), bis dahin nie für ihre Arbeit bezahlt worden, minimale Schulbildung, wenig Lektüre, aber über eine Unmenge praktischen Wissens und Könnens verfügend, voller Wortwitz und zudem ein wandelndes Lexikon deutscher Küchenlieder, Gassenhauer, Kirchenlieder, zwei Heiratsanträge zugunsten der „Familie“ abgewiesen, beim Klauen von Lebensmitteln erwischt, schließlich die Wende, dann auch noch der Euro, erste eigene Wohnung mit 70 Jahren bezogen, und ein intensives soziales Leben bis zuletzt. Und da schließt sich ein Kreis: Sie hatte zwar nie Kinder, hat aber dennoch 10 Kinder großgezogen, zuerst 5 in ihrer neuen Familie, dann eine Generation weiter mich und meine 4 Geschwister.
Ich komme aus einer intellektuellen Familie, aber es war Detta, die mir beigebracht hat, im täglichen Leben zurechtzukommen.
Worin besteht Würde? Was ist ein würdevolles Leben? Was ist ein gelungenes Leben? Wann ist ein Leben schrecklich? Was bedeutet Freiheit konkret? Was ist der Unterschied zwischen Macht und Wirkmacht? Was bedeutet eigenes Geld dafür, wie jemand seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen kann? Für Selbstbestimmung? Und ist jemand, der schlecht bezahlt angestellt arbeitet, zwangsläufig abhängiger als die einkommenslose Ehefrau und Mutter? Wie soll „Care-Arbeit“ bewertet werden? Wie unterscheiden sich die Antworten auf diese Fragen, je nachdem, auf welches Geschlecht sie sich beziehen? Und wer prägt eigentlich unsere Gesellschaft?